Les Plaisirs - Cinquecento

Inhalt

Was ist Cinquecento?

Mit Cinquecento bezeichnen wir den Tanzstil, der im 16. Jahrhundert in Italien gepflegt wurde.

Aus dieser Zeit gibt es eine Anzahl von Tanzbüchern, die Tänze mit Schrittmaterial und Choreographien beschreiben. In diesen Büchern (z.B. von Fabritio Caroso und Cesare Negri; siehe auch: Bibliographie) sind neben der Ausführung der Schritte auch Stilelemente und das Aussehen von Tänzerinnen und Tänzern beim Tanzen dargestellt.

Diese Epoche des Manierismus ist vor allem gekennzeichnet durch die strenge spanische Hofmode, die zu jener Zeit in ganz Europa vorherrschte. Da die jungen Adeligen im 16. Jahrhundert überwiegend nach Italien geschickt wurden, um das höfische Benehmen zu erlernen, ist anzunehmen, dass die damals in Italien beliebten Tänze auch im restlichen Europa bekannt waren und dort praktiziert wurden.

Beispiel aus le Gratie d'Amore von C. Negri, 1602
Beispiel aus le Gratie d'Amore von C. Negri, 1602

Der Stil des Cinquecento zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass der Tanz hauptsächlich in den Beinen stattfindet. Der Oberkörper bleibt dabei völlig ruhig, fast steif, begleitet von sparsamen Handgesten. Die Kleidung, die der spanischen Hofmode folgte, ist aus sehr vielen Schichten aufgebaut. Der Oberkörper fühlt sich daher fast so an, als würde man einen Brustpanzer tragen.

Für den Tanzstil ergibt sich dadurch, dass die Bewegungen des Oberkörpers sehr sparsam sind.

Die Quellen

Bei der Forschung und Rekonstruktion stützen wir uns zum Beispiel auf die in Venedig erschienen Tanzbücher von Fabritio Caroso und Cesare Negri. Die Bücher der beiden Autoren zeichnen sich durch eine äußerst aufwendige und prächtige Gestaltung aus. Es ist anzunehmen, dass sie für ein zahlungskräftiges Publikum gedacht waren. Sie erfüllten den doppelten Zweck einer Dokumentation von Tänzen auf der einen Seite und als Statussymbol auf der anderen.

Im folgenden sollen zwei der wichtigsten Quellen, Il Ballarino von Fabritio Caroso 1581 und Le Gratie d'Amore von Cesare Negri 1602, exemplarisch verglichen werden.

Fabritio Caroso: Il Ballarino 1581

Fabritio Caroso 1581 Das Buch ist systematisch in zwei Traktate gegliedert. Das erste Traktat bezieht sich auf die Tanztechnik, also die Schritte, die Bewegungen und auch auf die Etikette, während im zweiten Traktat die Tänze im Einzelnen beschrieben werden.

Trattato primo

Im ersten Traktat wird anhand sogenannter regole (Regeln) erklärt, wie die Tanzschritte auszuführen sind, die man dann später braucht, um die Choreographien zu tanzen. Den Schritten werden Namen verliehen wie Continenza, Ripresa, Puntato, Passo, Passetto, Seguito, die dann weiter mit den Adjektiven grave, largo, trangato, presto usw. näher bestimmt werden, um eine weitere Differenzierung zu ermöglichen. So ist es also möglich, einen Passo je nach Situation und Tanz unterschiedlich auszuführen. Die Unterschiede beziehen sich dabei hauptsächlich auf die Dynamik und den Rhythmus, in denen die Schritte gemacht werden.

Außerdem wird auch auf die Etikette eingegangen, die während des Tanzen und auch sonst im höfischen Leben zu befolgen ist. Insbesondere werden Reverenzen, das Abnehmen und wieder Aufsetzen des Hutes, das Geben der Hände während des Tanzes usw. beschrieben.

Trattato secondo

Das zweite Traktakt besteht aus der Beschreibung der Tänze. Die in den Beschreibungen verwendeten Namen der Tanzschritte beziehen sich auf das erste Traktat.

Widmung

Ballarino Este Gonzaga Widmung

Jede Tanzbeschreibung beginnt mit einer Widmung an eine bedeutende Dame. Diese Widmung ist von einem Sonett begleitet und hat hauptsächlich repräsentativen Charakter. Sie ist für die Rekonstruktion des Tanzes an sich unwesentlich. Gleichwohl lässt sie Rückschlüsse auf die Funktion und gesellschaftliche Bedeutung der Tänze und auch auf Querverbindungen in der kulturellen Landschaft des damaligen Europas zu. So sind manche Tänze auch bekannten Persönlichkeiten außerhalb Italiens gewidmet.

Abbildung

Ballarino Este Gonzaga Abbildung

Es folgt eine Abbildung der Tänzer. Darin wird gezeigt, wieviele Tänzer es sind, welchen Geschlechts die Tänzer jeweils sind, wie sie am Beginn des Tanzes räumlich zueinander angeordnet sind und schließlich ob und welche Handhaltung sie zu Beginn des Tanzes haben. Nicht zuletzt geben uns diese Abbildungen einen Eindruck von der Mode und der Körperhaltung der Patrizier im Oberitalien des ausgehenden 16. Jahrhunderts. Wieder fällt auf, dass aus rein technischer Sicht es wohl gereicht hätte, zu nur einem Teil der Tänze eine entsprechende Abbildung bereitzustellen. Dass jeder Tanz wieder mit einem prächtigen Kupferstich illustriert wird, unterstreicht den repräsentativen Charakter des Werkes.

Beschreibung

Ballarino Este Gonzaga Beschreibung 1.S.

Dann folgt der Titel des Tanzes und darunter (nach einer erneuten Nennung der Widmung) die Beschreibung. In Worten wird ausgedrückt, welche Schritte von den Tänzern/innen nacheinander auszuführen sind und welche Raumwege gegangen werden. Dabei werden die im ersten Traktat definierten Schrittenamen sowie Begriffe für Raumrichtungen verwendet. Außerdem wird festgelegt, ob und wann welche Hände zu geben und wieder loszulassen sind.

Musik

Ballarino Este Gonzaga Musik 1.S.

Auf diese Beschreibung des Tanzes folgt die für den Tanz vorgesehene Musik in italienischer Lautentabulatur sowie die Melodie in einer Zeile im C1-Schlüssel.

Dieser ebenso stereotype wie wirkungsvolle Aufbau der Beschreibungen ermöglicht ein schnelles Zurechtfinden in den immerhin 77 Tänzen.

Cesare Negri: Le Gratie d'Amore

Fabritio Caroso 1581 In seinem 1602 erschienen Werk nimmt Negri ausdrücklich Bezug auf sein Vorbild, Fabritio Caroso, den er als Tänzer und Tanzschaffenden würdigt. Wie bei seinem Vorbild ist des Buch in trattati (Traktate) eingeteilt.

Trattato primo

Das erste Traktat ist eigens einer Würdigung der seiner Meinung nach wichtigsten Tänzer seiner Zeit vorbehalten.

Trattato secondo

Negri Gratie Regola XX Das zweite Traktat widmet sich ausschließlich der Beschreibung für die verschiedenen movimenti also "Bewegungen", die für die Galliarde nötig sind. Offensichtlich ist Negri la gagliarda so wichtig, dass er dafür ein ganzes Traktat benötigt. Viele der Bewegungen sind mit prächtigen Abbildungen illustriert.

Trattato terzo

Im dritten Traktat von Le Gratie d'Amore sind zwei Teile zu erkennen. Im ersten Teil geht Negri in ähnlicher Weise wie Caroso auf die regole (Regeln) ein, die die Ausführung der Schritte und die einzuhaltende Etikette vorgeben. Der zweite Teil enthält schließlich die Beschreibung der Tänze mit festen Choreographien. Die Vorgehensweise ist sehr ähnlich wie in Il Ballarino. Wieder gibt es für jeden Tanz eine Abbildung, eine Beschreibung und die zugehörige Musik (in Melodiezeile und Tabulatur). Einzig die Widmung ist nicht so ausführlich, sie begnügt sich mit der Nennung einer illustren Dame (ohne Sonett).

Die Illustrationen sind überaus prächtig. Am Anfang dieser Seite ist ein Beispiel gegeben.

Fazit

Die in diesen Quellen vorhandenen Angaben ermöglichen es uns, im Einzelnen zu rekonstruieren, wie die jeweiligen Tänze auszuführen sind. Außerdem erhalten wir auch noch detaillierte Angaben darüber, wie die Tänzer ausgesehen haben und wie sie sich zu benehmen hatten.

Caroso und Negri verfolgen beide das gleiche Ziel: Sie schaffen äußerst aufwendige und prächtige Werke zur Beschreibung ihrer Tanzkunst einerseits zur Dokumentation des damals üblichen Tanzrepertoires und andererseits aus dem Bestreben, einen wirtschaftlichen Nutzen mit großer gesellschaftlicher Repräsentation zu verbinden.

Von Carosos Ballarino zu Negris Le Gratie d'Amore ist eine Weiterentwicklung zu beobachten. Zum einen wird der Galliarde ein viel größerer Raum gegeben, zum anderen stützt sich Negri auf fast eine ganze Generation mehr Erfahrung. Auch in der Beschreibung der einzelnen Schritte sind Weiterentwicklungen zu sehen. Schließlich ist zu verzeichnen, dass sich das Tanzrepertoire grundlegend geändert und entwickelt hat.

Bibliographischer Hinweis

Von den hier genannten Werken ist Il Ballarino auch in der Bibliographie genannt und in voller Länge von der Library of Congress on-line verfügbar.

Negris Le Gratie d'Amore ist unter dem folgenden Link zugänglich: http://www.pbm.com/~lindahl/negri/

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aktualisiert am: 03.11.2010